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02.05.2013, 17:57

Streit um Massaker-Stätte reisst Wunden auf

von Martin Suter
Am Ort des Massakers von Wounded Knee steht ein Stück Land zum Verkauf. Die Indianer möchten es erwerben, doch sie haben kein Geld und sind zerstritten.

In der kleinen Ortschaft Wounded Knee im US-Bundesstaat South Dakota fand 1890 das letzte grosse Blutvergiessen der amerikanischen Indianerkriege statt. Nun ist das Landstück, auf dem US-Soldaten mehr als 150 indianische Männer, Frauen und Kinder massakriert hatten, von seinem Eigentümer zum Verkauf ausgeschrieben worden. Die Nachricht hat im Stamm der örtlichen Oglala-Sioux alte Wunden aufgerissen.

Wie die «New York Times» berichtete, verlangt James Czywczynski aus Rapid City 3,9 Millionen Dollar für seine 16 Hektaren Land im Pine-Ridge-Reservat, wo die Opfer in einem Massengrab bestattet wurden. Der Kaufpreis sei angemessen angesichts der historischen Bedeutung der Stätte, sagte der 74-Jährige. Aber er ist massiv höher als die 7000 Dollar, die der Indianerstamm für angemessen hält.

Verarmt und hoch verschuldet

«Der historische Wert bedeutet etwas für uns, nicht für ihn», meint Garfield Steele, ein Mitglied des für Wounded Knee zuständigen Stammesrats. Die Oglala-Sioux leben in einer der ärmsten Gegenden Amerikas; über die Hälfte der Bewohner des Bezirks haben ein Einkommen unterhalb der Armutsgrenze. Der Stamm selbst soll mit 60 Millionen Dollar verschuldet sein und müsste das für einen Kauf nötige Geld pumpen. Viele seiner Angehörigen sind überdies der Meinung, der Stamm sollte nicht etwas zurückkaufen müssen, was ihm gestohlen worden sei.

Die Bedeutung von Wounded Knee für Amerikas Urbevölkerung lässt sich kaum überschätzen. Das Massaker ereignete sich, als Soldaten des 7. Kavallerieregiments am 29. Dezember 1890 ein Camp der Lakota-Indianer entwaffen sollten. Sie umstellten die Zelte und brachten vier Hotchkiss-Maschinengewehre in Stellung. Als das taube Stammesmitglied Black Coyote sein Gewehr nicht herausgeben wollte, löste sich ein Schuss, und die Soldaten begannen, wahllos auf die Indianer zu feuern. Nach wenigen Minuten waren zwischen 150 und 300 Lakota-Sioux tot. Bei dem Gemetzel kamen auch 25 Soldaten um, die meisten wurden versehentlich von den eigenen Leuten erschossen.

Besetzung von 1973

Das Massaker traumatisierte die Indianer, ihr organisierter Widerstand gegen die europäischen Einwanderer brach zusammen. Wounded Knee erhielt vor 40 Jahren zusätzliche Bedeutung, als die Organisation American Indian Movement eine 71 Tage dauernde Besetzung inszenierte. Die von dem im letzten Oktober verstorbenen Russell Means geleitete Protestaktion lief nicht gewaltfrei ab und endete mit der weitgehenden Zerstörung der Ortschaft. Aber sie brachte das traurige Los der vernachlässigten US-Urbevölkerung ins Bewusstsein vieler Amerikaner zurück.

Einen Beitrag dazu leisteten Kulturschaffende wie Marlon Brando, der seinen Oscar als bester Schauspieler im Film «The Godfather» aus Solidarität ablehnte und an seiner Stelle die Indianer-Aktivistin Sacheen Littlefeather zur Verleihung schickte und eine Rede halten liess. James Czywczynski gehört das Land bei Wounded Knee seit 1968, und in den Jahren vor der Besetzung betrieb er dort einen Laden mit einem Museum. Doch er zog weg, nachdem die Gebäude niederbrannten. Er behauptet, er habe das Land schon seit Jahren dem Stamm verkaufen wollen, doch die Indianer hätten sich nie einigen können.

Wounded Knee als Touristenattraktion?

Die internen Zerwürfnisse sind jetzt neu aufgebrochen. Bisher gibt es in Wounded Knee nur ein kleines, aus einem Raum bestehendes Museum. Stammesmitglieder wollen das für den Kauf nötige Geld aufbringen und ein grosses Museum bauen, ergänzt durch einen Laden, womöglich eine Tankstelle und vielleicht ein Motel. Sie hoffen, aus Wounded Knee eine Touristenattraktion zu machen, die der Wirtschaft ebenso helfen würde wie dem Verständnis für Indianerfragen.

Doch anderen Oglala-Sioux ist die Vorstellung unerträglich, dass die Nachkommen aus dem Leiden und Tod ihrer Ahnen Profit schlagen. «Wir dürfen das nie tun», sagte Nathan Blindman zur «Times». Er kann als Nachkomme der Opfer kaum über dieses Thema reden: «Wann immer wir über das Massaker von Wounded Knee sprechen, versetzt es uns in einen tiefen, tiefen psychischen Zustand, denn wir erleben den ganzen Horror noch einmal.»

Wie das Ringen um die Gedenkstätte ausgeht, ist offen. Vielleicht erhält der Stamm rechtzeitig seinen auf 20 Millionen Dollar geschätzten Anteil aus einer Entschädigungssumme von 3,4 Milliarden, die Amerikas Indianer im Rahmen einer Schadenersatzklage erstritten haben. Das würde die Entscheidung, was mit Wounded Knee passieren soll, erleichtern. Sollten sie sich jedoch nicht zu einem Kauf durchringen können, will Czywchynski nicht länger warten. Dann plant der Eigentümer, sein Land auf dem offenen Markt zu versteigern.

FeelingCrowWoman

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02.05.2013, 18:15

Hallo,

hier die Links dazu ;) :D

Anger Over Plan to Sell Site of Wounded Knee Massacre

http://www.nytimes.com/2013/03/31/us/wou…anted=all&_r=1&

http://www.20min.ch/panorama/news/story/…en-auf-28899104

LG
FeelingCrowWoman



Die beste Art, Konflikte zu lösen,
besteht darin, dem anderen Verständnis
und Respekt entgegen zubringen

Dalai Lama

3

03.05.2013, 16:42

Hihi, danke für die Links, FeelingCrowWoman! ;)

Gestern hatte ich woanders kurz über die Geschichte gelesen. Da war von 4.7. Mio Dollar als Kaufpreis und einem üblichen Marktpreis von 14.000 ,-- die Rede geween.

Zuerst war ich restlos sauer über den Whitey, der da nen Millionen-Reibach am Wounded Knee machen will. Meine erste Reaktion war: "Wo sind die Hotchkiss-Kanonen von Wounded Knee wenn man sie braucht?"

Wie immer , geht die Geschichte natürlich tiefer. Czywczynski hat das Grundstück also 1968 regulär gekauft. Nach dem General Allottment Act von 1889 war ja von der Bundesregierung jedem indianischen erwachsenen Mann ein Grundstück von 160 bzw. je nach Bodenbeschaffenheit auch 320 Acres aus dem Reservationsland zugeteilt und der "überschüssige Rest" dann auf den Immobilienmarkt geworfen worden. So sind ja viele Reservationen w.z.B. fast alle Reservate in Oklahoma komplett verschwunden.

Wie man aus dem NYT-Artikel erfährt, hat Czywczynski auf dem Grundstück einen Laden und das Museum betrieben. bei der Besetzung von Wounded Knee 1973 ist das alles in Flammen aufgegangen, und Czywczynski hatte verständlicher Weise die Nase voll und zog nach Rapid City. Jahrzehntelang hat er dem Stamm das Land dann zum Kauf angeboten, aber die konnten sich nie auf eine Antwort einigen. Jetzt ist er 74 und hat wieder die Nase voll und droht, das ganze auf dem Markt zu verkaufen.

Kann man nachvollziehen. Soweit ich weiß, hat der Stamm aber die planungsrechtlichen Kompetenzen und könnte bestimmte Bebauungen und Nutzungen durchkreuzen. Weswegen ich Schwierigkeiten habe zu sehen, dass irgendjemand auch nur annährend diesen Millionenpreis für ein Stück geschichtsbelastete Prärie zahlen würde, auf der er nie was wird bauen dürfen...

Vielleicht kommen die in Pine Ridge ja mal in die Hufe, nehmen 10-20.000 Bucks in die Hand und kaufen die Ecke endlich...


Ich hab' gerade darüber gegrübelt, was das wirklich bedeutet, wenn Leute sagen, man kaufe doch nichts, was einem ohnehin gehöre.

Die Traditionalisten im Besonderen und die politische Vertretung der Sioux im allgemeinen vertreten, dass der Vertrag von 1868 immer noch wirksam ist (das hat der Supreme Court 1979 mehr oder weniger bestätigt, es wurde jedenfalls festgestellt, dass es eine illegale Eigentumsverletzung ohne Entschädigung gegeben hatte.

Im Detail dürfte das ganze kompliziert sein, denn die grundlegende Rechtsdoktrin der USA und aller Siedlerstatten besagt, dass man Eigentum am Staatsgebiet aus dem "Recht aus Entdeckung" ableitet, also daraus, dass irgendwann mal ein Whitey mit dem Schiff irgendwo ankam, eine Fahne in den Strand rammte und sagte "keine Ahnung was hinter dem Strand liegt, aber ich erhebe hiermit Anspruch darauf für meinen König". Diese "Eigentunmsrechte" wurden zwischen europäischen Staaten dann hin und her geschachert und manchmal auch durch Eroberungen neu verteilt. Dass die Länder bereits bewohnt waren, ignorierte man mit Hinweis darauf, dass die Leute keine Hosen trugen und nicht zum richtigen Gott beteten. Sie lebten da zwar, das konnte man nicht völlig ignorieren, man billigte ihnen aber nur eine vorläufiges Wohnrecht zu (so ne Art Hausbesetzerduldung), welches jederzeit durch einseitige Erklärung von Whitey zum Erlöschen gebracht werden konnte. Solide dogmatische Grundlage, nech? ;).

Dem Stamm wurde jedenfalls 1980 gerichtlich eine große Entschädigung zugesprochen. Ich nehme an, das "Right of occupancy" wird im weiteren Sinne unter die Eigentumsrechte gefasst und kann somit nicht entschädigungslos kassiert werden. Das hat der Stamm allerdings nicht angenommen, weil er stattdessen auf Restitution besteht. Die Entschädigungssumme liegt angeblich irgendow auf einem Konto und sammelt fröhlich Zinsen...

Die Sioux wollen also keine Entschädigung, sondern die gesamte alte Reservation von 1868 zurück. Das wäre allerdings ne ziemliche Mammutgeschichte, wir sprechen schließlich von der Hälfte von South Dakota.



Pikant: Es müssten auch viele Indianer ihre gegenwärtigen Reservatsgebiete verlieren: Lake Traverse, Santee, Yankton, nördlicher Teil von Standing Rock.

Ganz zu schweigen von der erheblichen Besiiedlung im enteigneten Teil seit 1877...

1980 wurden den Sioux 106 Mio Dollar zugesprochen. Die bestanden aus dem niedrigen Marktpreis für all das beschlagnahmte Land und 88 Mio Dollar Zinsen, die in 97 Jahren aufgelaufen waren. Seitdem hat sich der Betrag verfünffacht. Was könnte man mit dem Geld alles für die Menschen machen, wenn man es vernünftig ausgibt...

http://www.nytimes.com/1992/02/19/books/…lumbus-day.html

https://en.wikipedia.org/wiki/United_Sta…tion_of_Indians

Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von »Flashman« (03.05.2013, 16:45)


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